Warum gähnen wir? Ist Gähnen ansteckend?

Es ist die erste Aktivität des Tages und meist auch die letzte: das Gähnen. Kaum ist der Mensch aus dem Schlaf erwacht, reckt und streckt er sich – begleitet von einem geräuschvoll-wohligen tiefen Ein- und Ausatmen. Seine Absicht, abends ins Bett zu gehen, tut er meist mit mehrmaligem Gähnen kund. Der Mensch gähnt etwa zehnmal am Tag. Oft überkommt es ihn, wenn ihn die Langeweile quält, die Müdigkeit überfällt oder er andere Menschen gähnen sieht. Manchmal reicht es schon, nur das Wort „Gähnen“ zu hören oder zu lesen, und schon geht es los. (Haben Sie schon gegähnt?)

 

Gähnen ohne körperliche Funktion

Gähnen ist ein allgemeines Phänomen – alle Menschen und alle Wirbeltiere tun es. Schon in der griechischen Mythologie beschäftigte man sich damit. Heute weiß man, wann und wie der Mensch gähnt, aber warum er es tut – das weiß man nicht.

Anders als beim Husten, Niesen, Blinzeln oder Schlucken kann man dem Gähnen keine körperliche Funktion zuordnen. Zwar gibt es eine Wissenschaft des Gähnens, die Chasmologie, fundierte Ergebnisse zur Ursache dieser Erscheinung hat sie bis heute aber nicht geliefert. Legen Wissenschaftler eine Theorie vor, wird diese von Kollegen angezweifelt oder widerlegt, kaum dass sie veröffentlicht ist. Über Generationen überliefertes Allgemeinwissen hat vor der Wissenschaft keinen Bestand.

Was man weiß, zu wissen glaubt und was nicht stimmt:

  • Gähnen erhöht den Sauerstoffgehalt des Blutes.

Oliver Walusinski,  französischer Mediziner und Veranstalter des ersten Chasmologie-Kongresses 2010 in Paris, geht davon aus, dass Gähnen überhaupt keinen Einfluss auf die Sauerstoffanreicherung hat. Das erkenne man daran, dass auch Fische und Föten gähnen und dabei keinen Sauerstoff einatmen können, weil sie von Wasser beziehungsweise Fruchtwasser umgeben sind.

Auch haben Experimente die These widerlegt. Eine Gruppe Probanden hat Sauerstoff mit einem erhöhten Kohlendioxid-Anteil eingeatmet. Eine andere Gruppe erhielt konzentrierten Sauerstoff. Auf das Gähnverhalten hatte beides keinen Einfluss.

  • Gähnen sorgt für einen Druckausgleich zwischen Mittelohr und Umgebung.

Im Flieger funktioniert es: Wenn die Ohren beim Landen „zu“ sind, reicht ein kurzer Gähner, die Schlund- und Rachenmuskulatur wird aktiviert und alles ist wieder in Ordnung. Die Wissenschaft bezweifelt aber, dass unser Körper deshalb mit der Gähn-Fähigkeit ausgestattet wurde. Denn auch Kauen und Schlucken öffnen die Ohren. Außerdem: Gegähnt wurde schon vor tausend Jahren, als es noch keine Flugzeuge gab. Und auch Pferde und Hunde gähnen, obwohl sie nicht fliegen.

  • Gähnen überbrückt Müdigkeit und Langeweile.

Gähnen wird ausgelöst, wenn der Mensch müde und gelangweilt ist. Soweit, so gut. Aber das Gähnen hat keinen weckenden Effekt.

  • Gähnen dient dem Stressabbau.

Es gibt Berichte von Fallschirmspringern, die vor dem ersten Sprung Gähnanfälle hatten. Versuche mit Affen könnten darauf schließen, dass Spannungszustände durch Gähnen abgebaut werden. Der wissenschaftliche Beleg aber steht noch aus.

Keine Gähn-Ansteckung bei Kindern und Autisten

  • Wer mitgähnt, zeigt Mitgefühl.

Untersuchungen im Bereich Gehirnforschung stützen die Theorie, dass die Ansteckung beim Gähnen in Verbindung mit der Empathie steht, also der Fähigkeit, Gedanken und Emotionen anderer Personen zu verstehen. Autisten lassen sich vom Gähnen anderer Personen nicht anstecken. Auch Kinder bis zu fünf Jahren gähnen nicht mit. Daraus schließen die Wissenschaftler James R. Anderson und Pauline Meno, dass dem Gähnen zumindest noch eine andere Komponente als das Mitgefühl zugrunde liegen muss.

  • Gähnen kühlt das Gehirn.

Die Theorie einer Verbindung zwischen Thermoregulation, Hirntemperatur und dem Gähnen vertritt eine Gruppe um den amerikanischen Wissenschaftler Andrew C. Gallup. Tierversuche haben ergeben, dass die Hirn-Temperatur durch das Gähnen abgesenkt wird. Forscher aus Wien stützen diese These. Sie gehen davon aus, dass Schlafzyklen, Erregungszustände und Stress – also immer dann, wenn der Mensch gähnt – durch schwankende Gehirntemperaturen gekennzeichnet sind.

Wozu das Gähnen also letztlich gut sein soll, ist bis heute nicht geklärt. „Weil Gähnen gesundheitlich kaum relevant ist, ist es noch nicht so gut erforscht“, erklärt der Schlafforscher Jürgen Zulley, Professor an der Universität Regensburg, in der Apotheken-Umschau. Und in der Tat wird wenig zu diesem Thema publiziert. Auch hat der Gähnkongress von Paris bisher keine Wiederholung gefunden. Schade, denn zum Gähnen langweilig ist das Thema keinesfalls. Finden Sie auch? Dann schnell nach Matratzen und Lattenrost suchen und die passende Liegestätte zum Gähnen finden.